Gegen den DFB-Strafen-Irrsinn

„Auf den Deutschen Fußball-Bund ein dreifaches hipp, hipp, hurra, hipp, hipp, hurra, hipp, hipp, hurra!“ Wer früher in den unteren Jugenden aktiv gegen den Ball getreten hat, kennt diesen Ausruf nur zu gut. Der Schiedsrichter gab vor, die jungen Spieler ließen den Verband daraufhin hochleben.
In Zeiten von Manipulationsskandalen, die zugegebenermaßen die ganze Fußballwelt betrafen und erschütterten, egal ob beim Weltverband FIFA mit Sepp Blatter und Jack Warner oder beim größten nationalen Sportverband der Erde, dem DFB, mit Ex-Präsident Wolfgang Niersbach und der deutschen Ikone dieses Sports, Franz Beckenbauer… Ein solcher Ausruf würde heute wohl eher als Provokation oder besser gesagt als Spott aufgefasst werden. Dennoch ist dieses Ritual bei früheren Jugendspielen so aktuell wie eh und je. Die Strukturen des DFB sind nicht nur verkrustet, sie faulen von innen heraus. Dennoch bündelt dieser Verband Millionen von Menschen unter seinem Dach, vom einfachen Amateurfußballer bis hin zum Nationalspieler aus der Bundesliga. Korruption, Schmiergeld und die Lüge vom sogenannten „Sommermärchen“ bestimmen die derzeitige Berichterstattung über den DFB; positive Stimmen dagegen sind aktuell nur wenig bis überhaupt nicht zu finden.
Es genügt einfach nicht mehr mit erhobenem Zeigefinger selbstgerecht in Richtung FIFA zu zeigen und Konsequenzen sowie Köpfe zu fordern, wenn auch in den eigenen Reihen finanzielle, persönliche Vorzüge mehr gelten als alles andere beziehungsweise die eigene Scheinheiligkeit nach und nach ans Tageslicht befördert wird.

Typisch für solche, teilweise existenziellen Krisen ist Ablenkungen zu suchen, andere Sündenböcke zu finden, um vom eigenen Versagen abzulenken. Passend dazu erreichte uns diese Woche die Nachricht der neusten DFB-Sanktionen gegen die Vereine für das Fehlverhalten ihrer Fans. Der 1. FC Kaiserslautern wurde dabei mit einer Geldstrafe in Höhe von 25.000 € belegt und es droht bei weiteren Vergehen bis 31.12.2016 ein Teilausschluss der Zuschauer in den Blöcken 7.1, 8.1 und 9.1 bei einem Heimspiel. Dieses Urteil fällte das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes aufgrund von Becherwürfen beim Spiel in Sandhausen und abgefeuerter Pyrotechnik im Vorfeld des Derbys in Karlsruhe. Wie sich die Kosten dieser zu leistenden Strafzahlung zusammensetzen, wird wie gewohnt nicht angeführt, wobei bezweifelt werden darf, ob dies überhaupt möglich ist. Beim DFB-Sportgericht, wo hauptsächlich über Sperren von Spielern und Trainern entschieden wird, existiert kein geregelter und verbindlicher „Strafenkatalog“. Pauschale und damit transparente, kalkulierbare Beträge für Vergehen à la 500 € pro geworfenem Feuerzeug oder 2.500 € pro gezündeter bengalischer Fackel gibt es nicht. Die festgesetzten Strafen sind reine Interpretationssache der handelnden Person beim Verband und somit ohne jegliche verbindliche, transparente Handlungsgrundlage rein willkürlich. Leider unterwerfen sich die Vereine schon alleine durch ihre Mitgliedschaft im DFB diesen Statuten und damit einhergehend der Sportgerichtsbarkeit. Unverständlicherweise jedoch werden die in ihrer Höhe willkürlich vergebenen Strafen durch die Vereine nahezu ausnahmslos akzeptiert, und das obwohl durchaus die Möglichkeit besteht, einen Widerspruch gegen das angesetzte Strafmaß einzulegen. Dadurch verpassen es die Vereinsverantwortlichen nicht nur unnötige Zahlungen an den DFB leisten zu müssen, nein, sie akzeptieren und billigen stillschweigend die undurchsichtigen Methoden des Verbandes. Es gilt zu hinterfragen, weshalb ein Fußballclub für ein vermeintliches, vom Deutschen Fußball-Bund selbst kreiertes Fehlverhalten aufkommen soll. Vor allem deshalb, weil jedes dieser „Vergehen“ eindeutig im Strafrecht geregelt ist und dessen Umsetzung in einem Rechtsstaat einzig den dafür zuständigen Staatsorganen vorbehalten ist. Weiter kommt hinzu, dass der DFB innerhalb der derzeitigen Vergabepraxis dieser Sanktionen gleichzeitig als Richter und Henker agiert. Jegliche Objektivität, sei es bei der Beurteilung welches „Vergehen“ zu ahnden ist bis zur Festlegung des Strafmaßes, kann dabei nicht gewährleistet werden.

Klar ist, dass es in diesem Spiel nur einen Profiteur gibt. Finanziell sind die Strafzahlungen der Vereine zumindest ein nettes kleines Zusatzeinkommen für den Verband. Deutlich wird jedoch auch, dass nicht nur die Finanzen eine Rolle spielen können. Die Vergabe der Sanktionen stellt sich nämlich mehr und mehr auch als ein geeignetes Instrument heraus, die Spaltung der Fanszenen voranzutreiben. Langsam, aber sicher machen sich die Auswirkungen des Sicherheitspapiers bemerkbar, denn erst durch diesen Beschluss wurden viele repressive Maßnahmen in Bezug auf Kontingentreduzierung, Blocksperren und Gästeverbote extrem vereinfacht und werden mittlerweile auch regelmäßig angewendet. Das Problem an diesen Kollektivstrafen ist, wie der Namen schon sagt, dass sie hauptsächlich Leute treffen, die sich nichts haben zu Schulden kommen lassen, aber jetzt für andere mitbüßen müssen. Diese Strafen, und das ist deutlich zu erkennen, sollen Fans mit verschiedenen Interessen gegeneinander ausspielen. Kollektivstrafen sollen den Leuten suggerieren, dass der Feind in den eigenen Reihen zu suchen ist. Die Einflussnahme von außerhalb soll Misstrauen schüren und das Denunziantentum fördern. Der DFB versucht gezielt einen Selbszerfleischungsprozess in Gang zu setzen, um die gewachsenen Strukturen innerhalb der Fanszenen zu schwächen und deren Auseinanderbrechen zu provozieren. Wenn die Fans damit beschäftigt sind, sich gegenseitig die Schuld zuzuschieben, hinterfragen sie auch nicht den Sinn beziehungsweise die Daseinsberechtigung der vergebenen Sanktionen und noch weniger werden sie gegen diese protestieren.

Sollte der DFB mit dieser Strategie tatsächlich Erfolg haben, könnten die Folgen schwerwiegend sein, denn das wäre ein weiterer Schritt in Richtung eines sterilen, sponsorengeeigneten Events. Einem Event, in dem emotionale Handlungen unerwünscht sind. Es ist der Versuch, die letzten Bastionen eines ehrlichen Fußballs, die Kurven, zu schwächen und damit einen nicht unerheblichen Teil der traditionellen Fans in ihrer Handlungsfähigkeit einzuschränken. Wir alle sind gefragt, wenn es darum geht, den korrupten Funktionären deutlich zu machen, dass die Grundsätze unserer Fankultur nicht zur Disposition stehen.

Wir sollten auch nicht mit dem Finger auf die Verursacher rechtswidriger und lächerlicher Strafen zeigen. Wir sollten erkennen, wer aus Vergehen, die vor einem ordentlichen Gericht weitaus geringfügiger gewertet werden würden, seinen Profit zieht und diesen gemeinsam bekämpfen, anstatt uns gegenseitig zu zerfleischen.

„Sanktioniert lieber eure korrupten Funktionäre – Gegen den DFB-Strafen-Irrsinn!“